Die Gelehrtenrepublik von Arno Schmidt

03-AS-GelehrtenrepublikEr ist jung und ehrgeizig, neugierig und ein Draufgänger. Der junge US-amerikanische Reporter Charles Henry Winer bricht auf, um eine Reportage über die Gelehrtenrepublik zu schreiben. Die Gelehrtenrepublik – das ist jene Stadt, die auf einer riesigen künstlichen Insel auf dem Pazifik schwimmt und alle wichtigen Künstler, Autoren und Wissenschaftler beherbergt. Wer es hierher geschafft hat, braucht nie wieder Not zu fürchten. So heißt es zumindest.

Arno Schmidt hat sein Werk 1957 verfasst, die Geschichte der Dystopie spielt 2008, kurz nach einem Atomkrieg. Amerikaner und Russen pflegen einen zähneknirschenden Frieden. So wird es jedenfalls der Gesellschaft vermittelt. Aus Atom- und Bioexperimenten sind neue Lebensformen entstanden. Zum Beispiel die Zentauren – ein Volk, das in einer Steppe lebt, die der Protagonist auf dem Weg zur Gelehrtenrepublik durchquert. In Nullkommanichts ist er in eine Liebelei mit einem Zentaurenmädchen verwickelt. Doch das hält den Jungspund nicht von seiner Weiterreise ab.

„»Oh=no« sagte sie schläfrig (so langsam hatte ich bald noch Niemanden sprechen hören !). Und kaute weiter ihre Grasähren. – : Mensch, wieso liegt hier ein nacktes Mädchen? Und auf einem (erlegten ?) Reh ? !

Sie zog aus dem grobfasrigen Säckchen neben sich einen neuen Halm; beäugte ihn kritisch; biß prüfend an. – Sagte dann (und immer in derselben zeitlupigen Sprechweise; manche Konsonanten kamen auffallend schwerfällig; auch war die Stimme sehr kräftig; komisch): »Du bist kein Förster.« entschied sie. Noch ein paar Bisse. Erhob sich : – ! :

Und das erlegte Reh mit ihr ! ! ! : ich mußte die Hand vor die Stirn drücken (und die Finger gafften mir auf, total verblüfft; to say nothing of my mouth): das also. : War eine Zentaurin ? ? – –

Das also war eine Zentaurin ! : und ich durfte mehrfach um sie herum gehen, die mir amüsiert und pomadig zusah. – :“ (S. 23)

Als Winer zurückkehrt, darf er nur eine zensierte Version seiner Reportage auf den Markt bringen. Die wahre Geschichte lässt er in die längst ausgestorbene deutsche Sprache übersetzen. Der Kurzroman ist in darum in einer sonder- und wunderbaren Schreibweise verfasst und von Neologismen gespickt. Die Gedanken jenes jungen Journalisten sind so glasklar, bissig und komisch, dass ich beim Lesen oft laut loslachen musste. Winer analysiert und durchschaut alle Menschen, denen er begegnet. Er hat einen herrlich schwarzen Humor.

Die Geschichte, die sich in ihrem Kern um die Idiotie des amerikanisch-russischen Konflikts dreht, ist hochaktuell, die Geschichte funktioniert noch immer als Dystopie. Meiner Meinung nach ein Buch, das zur Pflichtlektüre in Schulen erhoben werden sollte.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s