Auf Marokkos Straßen

IMG_2012Der Verkehr in Marokko bedarf eines eigenen Kapitels. Hier gibt es eigentlich nur drei Autobahnen, die Längste führt an der Westküste entlang von Norden nach Süden. Diese Autobahnen sind fein ausgebaut und mautpflichtig. Wer aber zufällig nicht eine dieser drei Routen nehmen will, ist auf die Regionalstraßen angewiesen. Und die sind mit nichts in Deutschland vergleichbar.

Der Straßenbelag ist, je nach Streckenabschnitt, neu asphaltiert bis schotterpistenartig. Auf manchen Strecken tauchen plötzlich armdicke Rinnen quer in der Straße auf, am Rand sind große Asphaltschollen einfach aus der Fahrbahndecke gebrochen oder Gullideckel ragen zehn Zentimeter hoch aus dem Boden. Für ein Offroadmobil wie meine gute Zora natürlich kein Problem – es sei denn ich fahre mal wieder mit satten 60 km/h in die Fallen hinein, weil irgendetwas anderes meine Aufmerksamkeit beansprucht. IMG_4292Ein bunt bemalter Lkw zum Beispiel, der turmhoch mit Stroh beladen ist und sich in der Kurve vor mir zutraulich auf meine Straßenseite hinüberlehnt. Die Ladung, die das Gefährt auf seine dreifache Höhe wachsen lässt, ist nur nach hinten und vorne gesichert, bleibt aber durch irgendeinen magischen Trick auch bei sportlichen 80 km/h in der Kurve auf ihrem Platz.

Oder durch einen streunenden Hund, der gemütlich über die Straße bummelt, sich nichts aus rasenden Lkw- und Mopedfahrern machend. Oder von einer kleinen Schafherde, die im Straßengraben weidet während der Hirte auf einem Grashalm kauend unter einem Busch döst. Grundsätzlich sind, gerade im südlicheren Teil unserer Route, beinahe ebenso viele Esel, Pferdegespanne, Fahrradfahrer und Fußgänger unterwegs wie Pkw. Die Grauohren sind überhaupt überall vertreten. Sie sind Lastenträger, Transportmittel und Haustier. Esel sehen hier immer irgendwie gelangweilt aus, rupfen genervt ein paar Halme oder sehen den Autos missbilligend entgegen, wenn sie nicht sowieso, dem Schicksal ergeben, auf die Straße starren.

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IMG_4310Neben der Straße sind oft Stände aufgebaut. Das Angebot darauf ist so unterschiedlich wie die Regionen, die wir durchreist haben. Angefangen mit den hübsch bemalten marokkanischen Tontellern und anderen Töpfereien wie die hier üblichen Tajines, Tontöpfe mit spitzem Deckel, über Oliven, Früchte und Gemüse bis hin zu Aganöl oder geflochtenen Weidenkörben. Wenn die Menschen am Straßenrand nicht gerade etwas verkaufen, sitze sie einfach da und gucken oder trampen. Das Trampen ist hier generell sehr verbreitet, genauso wie das Taxifahren. Oft zähle ich sieben oder mehr Köpfe, die, in eine solche Limousine gezwängt, über die Straße wippen. Für Taxen zahlen wir hier rund ein Zehntel des deutschen Preises. Meist handelt es sich um alte Mercedeslimousinen. Je nach Region unterscheiden sich die Farben: blau, rot, gelb, weiß – im Stadtbild fallen sie sofort auf.

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IMG_4285In den kleineren Orten trifft sich das ganze Dorf an der Hauptverkehrsstraße, an den Läden, Cafés und am Souk, dem Marktplatz. Kinder laufen umher, Frauen verhandeln mit den Händlern, Männer gucken stirnrunzelnd dem fremden Auto mit der hellhaarigen Frau am Steuer nach. Tiere stehen herum oder streunen um die Marktstände. In den etwas größeren Städten umrunden wir alle 50 Meter einen mehrspurigen Kreisel. Bisher nahm ich an, die Franzosen seien Meister der Kreisel. Hier wurde ich eines Besseren belehrt. Die Verkehrsregeln, die in ebendiesen gelten, haben wir bisher nicht ergründet. Aber irgendwie geht’s. Vielleicht weil ohnehin jeder ein erweitertes Aufmerksamkeitsfeld hat und immer mit unvorhersehbaren Aktionen anderer rechnet. Ständig wird überall gehupt – oft gibt es keinen ersichtlichen Grund. Ich habe sogar schon einen Pkw-Fahrer beobachtet, der hupte, obwohl er völlig allein auf der Straße war und ihm auch niemand entgegen kam. Ich glaube, die Marokkaner mögen einfach das Geräusch.

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Auffällig ist überall die Polizeipräsenz. In den Städten stehen sie an jeder Ecke und regeln teilweise sogar den Verkehr – was viele Einheimische nicht davon abhält, in ihrer Gegenwart über noch rote Ampeln zu fahren oder uns laut hupend von links zu überholen und dann die Kurve zu schneiden, vor uns zu fahren und uns anschließend auszubremsen. Auch Kontrollen finden wir an jeder Ecke. In den entlegensten Gegenden wartet plötzlich ein blau Uniformierter mit der Radarpistole hinter dem Baum oder gleich mehrere von ihnen sperren mit Krähenfüßen die Straße ab, so dass wir mit 30 Sachen zwischen ihren strengen Blicken hindurch schleichen und hoheitsvoll von ihnen weitergewinkt werden. Angehalten wurden wir zum Glück noch nie.

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IMG_4275Doch obwohl der Verkehr für uns lammfromme Europäer erst einmal ein Höllenritt war, haben wir uns schnell daran gewöhnt. Heute hupte Sören triumphierend einen Busfahrer an, der sich zu weit auf die Gegenfahrbahn gewagt hatte (die kann er sowieso nicht mehr leiden seitdem mehrfach Busse so dicht hinter uns aufgefahren sind, als wollten sie sich in den Windschatten der Zora ducken um dann mit 80 Sachen im Dorf zu überholen und uns in einer stinkenden Wolke warten zu lassen, als sie an einer Haltestelle hielten). Auch weiß ich jetzt, dass Schafe und Kinder hier sehr selten auf die Straße laufen, Hunde dagegen oft. IMG_4281Aus dem Höllenritt wird ein Abenteuer, das man wirklich genießen kann. Denn so provinziell die Straßen auch sind, zeigen sie uns doch das Leben und die Landschaften des Landes. Auf dem Weg an der Küste entlang lag sie Straße immer nah am Atlantik. Glitzernd und wild lockte das Meer immer wieder mit steilen Felsküsten oder samtigen, menschenleeren Stränden. Weiter südlich säumten kleine Felder den Weg, wir sahen Bauern bei der Arbeit, die mit den bloßen Händen in der dunklen Erde herumwühlten und Kinder, die winkend hinter uns her liefen. Das klingt alles wie so eine alte Postkarte, kitschig und unecht. Und es kam mir auch so vor, als ich auf dem Beifahrersitz saß, versuchte, all die Bilder auf einmal in mein Hirn zu bekommen. Wäre es nicht einen Steinwurf weit entfernt gewesen. Wären die Farben nicht hundertmal lebendiger gewesen, als auf jedem Foto. Hätten wir nicht alle zwei Stunden angehalten um ein Brot für zwei Dirham bei einem Bäckerjungen mit schlechten Zähnen und neugierigen Augen zu kaufen oder um zu tanken und uns die Zunge an einem kochend heißen Kaffee zu verbrennen.

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Der Weg von Marrakesch nach Fes, durch die Mitte des Landes, war hügelig und heiß. Bei Marrakesch konnten wir das Atlasgebirge am Horizont erahnen, wenige Kilometer weiter war das Land gelb und trocken. Noch weiter nördlich grün und schachtelig von Feldern, die von langen Betonrinnen bewässert wurden. Noch ein Stück weiter übernachteten wir an einem riesigen Stausee, der wie ein Diamant in der lebensfeindlichen Mondlandschaft lag. Noch weiter wandelten sich die Siedlungen von flachen, rotbraunen Häuschen, Ebenen voller Schafsherden und Kindern auf Eseln zu schmucken Dörfchen mit Bürgersteigen, sauberen Gärten und Spitzdächern. In den rund 500 Kilometern von Marrakesch bis Fes veränderte sich die Landschaft mindestens zehnmal komplett. Auch die Menschen, ihre Dörfer und Häuser sahen überall ein wenig anders aus. All das hätten wir niemals erlebt, wenn wir uns in ein Flugzeug gesetzt hätten und zum Airport Marrakesch geflogen wären.

Hier gehts zum Artikel auf move36.de

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3 Gedanken zu “Auf Marokkos Straßen

  1. Hallo, jetzt habe ich euchauch gefunden. Vielen Dank für so tolle Berichte. Ich bin froh,dass ihr so viele Eindrücke habt. Weieterhin alles Gute und eine angenehme Rückfahrt.
    Liebe Grüße
    Rosel

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