Die Leidsuchende

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Die „Bittere Seuche“, wie die Eifersucht übersetzt aus dem Althochdeutschen heißt, ist im Wesen und der Geschichte der Menschen fest verankert. Dramen und Tragödien, Bibelstellen, unzählige Kriminalgeschichten und ganze Kriegslegenden basieren auf dieser Gefühlsregung, die tief in unserem Hirn entsteht. Doch woher kommt sie, was macht sie mit uns und was wäre, wenn wir sie überwinden könnten?

Erschienen ist der Artikel im Fuldaer Magazin move36.

Wummernder Bass, blitzende Stroposkoplichter. Sie tanzt. Er sieht ihr zu. Sie tanzt mit einem anderen Mann. Der legt ihr eine Hand auf die Hüfte, sie lässt es geschehen. Er dreht sich weg von den Tanzenden, einen bitteren Geschmack auf der Zunge. Die Kiefermuskeln angespannt. Soll er rübergehen, sich drohend aufbauen vor diesem Typen? Sich benehmen wie ein Alpha-Affe und diesem ahnungslosen Kerl Schläge androhen? Danach ist ihm jetzt.

Eifersucht ist gleichzeitig ein sehr simples und doch hochkompliziertes Gefühl. Es ist in unserer Gesellschaft weit verbreitet und anerkannt. Eine gute Beziehung, so die allgemeine Meinung, kommt nicht ohne Eifersucht aus. Darf es eigentlich nicht. Denn was ist mir der Partner wert, den ich nicht eifersüchtig vor anderen bewache? Letztendlich ist die Stilisierung dieses doch sehr unschönen Gefühls hin zu einer Tugend ein Produkt unserer Gesellschaft.

IMG_2066Wo genau die Wurzeln dieser Entwicklung liegen, ist umstritten. Die Einen machen das Jahrtausende andauernde männliche Patriarchat dafür verantwortlich. Frauen wurden zu Besitztümern, die junge Männer den Vätern abkauften, der Brauch der Brautübergabe erinnert noch immer daran. Da „Privateigentum“ nicht geteilt wird, galt Ehebruch als Diebstahl. Später übernahmen die Frauen diesen „Besitzanspruch“ an dem Partner ebenfalls. Andere sehen den Grund für die Karriere der Eifersucht in der früheren ökonomischen Notwendigkeit der Ehe. Machte sich einer der beiden Ehepartner vom Acker, war der andere nicht mehr in der Lage, die Wirtschaft, den Hof oder das Geschäft allein zu stemmen.

Zeitlich noch weiter zurück geht eine Theorie die besagt, dass Männer eher sexuell, Frauen dagegen eher emotional eifersüchtig sind. Da die Männer, rein biologisch bedingt, am meisten daran interessiert sind, ihre Spermien und somit ihre Gene möglichst weit zu verbreiten, fahren sie noch heute eher bei einem sexuellen Seitensprung der Partnerin aus der Haut. Frauen dagegen konnten sich immer darauf verlassen, dass das Kind, das sie gebaren, ihr eigenes war. Sie waren, der Theorie zufolge, schon immer von der emotionalen Zuneigung des Partners abhängig: Um den Nachwuchs großzuziehen, brauchten sie den Schutz und die Hilfe des Mannes.

IMG_1834Ob diese Urmenschen heute noch in uns existieren – in unseren Ursprüngen, soviel ist sicher, war die Eifersucht reine Arterhaltung. Die Durchsetzung der eigenen Gene. Und somit nicht zu vergleichen mit der heutigen, romantisierten und dramatischen Eifersucht. Alpha-Affen beispielsweise versuchen auch, andere Männchen von „ihren“ Weibchen fernzuhalten. Doch dabei gehen sie nur spontan vor. Sie misstrauen der Affendame nicht generell oder meiden nach einer Fremdpaarung den Kontakt zu ihr.

Doch die menschliche Psyche mit der eines Primaten zu vergleichen wäre zu einfach. Denn so weit es die Eifersucht mithilfe der Gesellschaft auch gebracht hat – in ihrem Ursprung ist sie ein Gefühl, das jeder Mensch in sich trägt. Und sie ist ein Gefühl, das bei jedem Menschen unterschiedlich ausgeprägt ist. Im Kern kann sie verschiedene Motive haben. Zunächst ist da die Verlustangst. Der Partner, dem ich mich hingebe, mit dem ich Erinnerungen, Sehnsüchte und Geheimnisse teile, könnte mir verloren gehen. Ein anderer Mensch könnte ihn umgarnen und sosehr von sich überzeugen, dass der geliebte Mensch sich für den anderen entscheidet. Die Gedanken spinnen sich fort. Selbst wenn da gar kein Funke war, zwischen den beiden. Selbst wenn der lange Blickkontakt auf der Tanzfläche nur in seiner Vorstellung geschehen ist.

„Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft“, erkannte schon der deutsche Philosoph Friedrich Schleiermacher im 19. Jahrhundert. Und dennoch: Sie bleibt eine Leidenschaft. Wie gut oder schlecht das auch klingt – wenn wir lieben, machen wir uns verletzbar und immer auch ein wenig abhängig. Die Eifersucht ist die Angst davor, dass der geliebte Mensch diesen wunden Punkt ausnutzt. Was hier immer mitschwingt, ist Selbstzweifel. Bin ich attraktiv, klug, witzig und schön genug, um die geliebte Person an mich zu binden? Die Entscheidung des Partners für eine andere Person wird als persönliche Niederlage gewertet. Als Versagen in Attraktivität und Anziehungskraft.

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Silvio Wirth. Foto: Privat

Doch ist sie das wirklich? „Ich finde es gesund und normal, wenn meine Frau oder Freundin auch andere Menschen begehrt“, erklärt Silvio Wirth. Er lebt seit über 20 Jahren polyamor – das heißt, dass er Beziehungen mit mehreren Partnern führt. Dabei gibt es mehrere Modelle. Manche Poly-Familien, wie sie sich selbst nennen, leben in einer mehrfach-Partnerschaft zusammen, manchmal sogar unter einem Dach. Eine Frau mit zwei Männern beispielsweise. „Das ist natürlich einfacher, wenn man auch in einer Szene lebt, die das akzeptiert.“

Silvio lebt momentan in einem anderen Modell. Er ist seit zwölf Jahren verheiratet, seine Frau und er haben in dieser Zeit neben ihrer „Hauptbeziehung“ noch andere Beziehungen geführt. Die beiden leben unter einem Dach. „Wir vertrauen einander, wir lieben uns – warum soll uns die Liebe zu anderen Menschen auseinander bringen?“, fragt Silvio.

Ja, wieso eigentlich? So klingt das Ganze ja schon recht schön: Ein Paar, das zusammen lebt und liebt und einander das ein oder andere Abenteuer mit fremden, aufregenden Menschen zugesteht. „Ich glaube, dass alle Menschen das Bedürfnis haben, sich auch mal auf einen anderen Menschen einzulassen. Viele betrügen ihre Partner dann heimlich. Doch es ist kein Betrug, wenn man diese Monogamie-Regel gar nicht erst aufstellt, wenn man offen und ehrlich miteinander über seine Bedürfnisse redet. Man verliebt sich ja nicht in einen Menschen und will ihn gegen einen anderen eintauschen. Meistens möchte man ja auch den ersten Menschen nicht verlieren weil man ihn liebt.“

Die Theorie ist durchaus plausibel. Wäre da nicht dieses Gefühl. „Eifersucht gibt es bei uns natürlich auch. Aber dann muss man sich immer fragen: Bin ich jetzt neidisch auf diesen anderen Mann? Was hat er, was mir an mir selbst fehlt? Oft kann man so viel über sich selbst lernen und die Eifersucht in positive Erkenntnis umwandeln.“ Schön und gut. Doch dann kommt da dieser Moment, in dem der Partner nicht da ist. In dem man allein ist und er nicht. „Klar, Polyamorie kann genauso kompliziert sein, wie jede andere Beziehung. Über solche Gefühle muss man dann eben reden. Da müssen beide auch Rücksicht aufeinander nehmen wenn sie zusammen sein wollen“, erklärt der 44-Jährige.

IMG_2068Polyamorie ist wohl die Königsdisziplin unter den Beziehungen. Denn dafür müssen wir nicht nur all unsere von Gesellschaft und Eltern anerzogenen Beziehungsvorstellungen über Bord schaffen. Gleich hinterher werfen wir unsere Selbstzweifel, allen Neid, die Minderwertigkeitskomplexe, die Verlustangst, unser Misstrauen und die Unfähigkeit, allein zu sein. Klingt alles sehr schön, aber auch nach einem Konzept für Übermenschen.

Doch was mit über Bord fliegt, ist die Exklusivität. Zwar bleibt jeder Partner einzigartig. Doch eben nicht der Einzige. Trauen wir uns noch, schlechte Laune zu haben? Über dunkle Geheimnisse zu reden? Ein Wochenende lang nur Serien gucken zu wollen? Wenn wir immer wissen, dass der Partner auch zu einem anderen Menschen gehen könnte, wenn wir gerade unausstehlich oder langweilig sind. Weil wir im Moment an einer Bachelorarbeit schreiben oder unsere Tage haben. Können wir immer noch wir selbst sein, auch mit all unseren miesen Seiten?

IMG_1844So düster und fies Eifersucht ist – sie ist ein Teil von uns. Solange sie uns nicht kaputt macht, solange wir dem Partner nicht hinterher spionieren und damit selbst die Beziehung zerstören, ist das okay. Wir sollten nur immer mal wieder darüber nachdenken, was da gerade in unserem Hirn abgeht – und was das mit der Realität zu tun hat. Denn wenn wir dem Partner wirklich vertrauen, können wir uns ganz entspannt zurücklehnen und unser Bier trinken, während der geliebte Mensch die Tanzfläche unsicher macht.

 

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