Straßburg nach dem schwarzen Freitag

imageIch teile meine Zeit hier ein: Es gibt die Zeit vor und die nach meinem Praktikumsbeginn bei Arte. Und es gibt eine Zeit vor und nach dem Freitag, diesem Freitag dem 13., der allen bewies, dass er es doch noch kann. Böse sein. Obwohl keiner daran geglaubt hat. Obwohl keiner das Ausmaß und die Folgen dieser menschlichen Katastrophe geahnt hat.

Klar wussten wir alle, dass Europa sich nicht heraushält. Dass wir alle dranhängen an einem seltsamen und undurchschaubaren Konflikt zwischen sehr vielen Ländern. Dass der Hass, den dieser Konflikt entfacht hat, jederzeit auf uns überschlagen kann. Aber die Realität ist doch um vieles anders als jede Vorstellung. Die Realität ist nicht da draußen.

Mein Kollege verabschiedete sich am Freitag etwas früher, schwer bepackt machte er sich auf den Weg zum Bahnhof. Nach Paris. Fußball und so. Na dann viel Spaß, komm heile zurück. So daher gesagt.

image(5) Sechs Stunden später starre ich auf meinen Laptop. Aktualisiere den Liveticker, schreibe hilflos und hektisch Nachrichten. Hast du das gelesen? Mann, was ist da los? Die Fußballfans werden auch immer krasser. Was? Schüsse in der Stadt? Eine Geiselnahme? Immerhin, dem Kollegen ist nichts passiert. Lege mich irgendwann hin. Hoffend, dass alles am nächsten Morgen halb so schlimm ist.

Aber das ist es nicht. Es ist noch viel, viel schlimmer. Bis zum Mittag sitze ich im Bett, sehe mir Nachrichten an, telefoniere mit schockierten Menschen. Ich fühle mich bleischwer, leer, todtraurig. Wieso kann das passieren? Was ist diesen Menschen widerfahren, die so viele Wehrlose hinrichten, die so einen abgrundtiefen Hass auf Europa haben. Unser Europa. Mein Europa. Meine Kultur. Meine Demokratie. Auf das, woran ich glaube, was ich kritisiere, was ich lebe, was ich bin. Das erste Mal in meinem Leben fühle ich dieses Europa in mir drin. Hab Angst, dass es wieder zerbirst in seine Einzelteile. Dass es seine guten Seiten versteckt und den Hass mästet.

Straßburg wird als Hauptstadt dieses Europas bezeichnet. Neben dem Europäischen Parlament und dem Europarat liegt das an der Lage der Stadt und daran, dass hier 40.000 Menschen studieren. Das ist eine beeindruckende Zahl. In den Straßen der Stadt zwitschern alle möglichen Sprachen durcheinander, als Deutsche wird man – erstaunlicherweise – überall herzlich empfangen. Die Idee Europa ist hier deutlich zu spüren. Klar, hier gibt es Probleme zuhauf. Aber auch viel Positives, vieles, das gemeinsam funktioniert. Viele Beispiele eines funktionierendes Europa.

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So wie Arte.Ein deutsch-französischer Kultursender. Ich hatte es für ein Gerücht gehalten aber hier spricht nahezu jeder und jede französisch und deutsch. Nahezu. Ich leider nicht. Und irgendwie ist mein Hirn da auch ein hartnäckiges Ding. Auch sonst ist das Haus ein Beispiel an Multikultihochkultur. Ich verkneife mir mindestens einmal täglich einen derben Witz und esse zu Mittag in der hauseigenen Kantine Kürbispüree neben Frauen in den Vierzigern mit natürlich-eleganten Klamotten aus Naturmaterialien. Es gefällt mir. Alle sind freundlich, es ist wenig von der typisch journalistischen Ellenbogenmentalität zu spüren. Und besonders: Es gibt sich jeder viel Mühe, international und sozial zu denken. Klappt nicht immer. Aber öfter.

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Aber was genau macht unsere Kultur aus? Was ist es, das ich als Europa fühle? Was ist die Kultur meiner Heimat, die nicht religiös, ohne feste Rituale und mit multinationaler Küche glänzt?

Für mich ist es die Freiheit der Gedanken, der Worte, Freiheit der Meinung und Demonstrationsfreiheit. Die Freiheit, den Wohn- und Arbeitsort zu wechseln, den Partner zu wählen, zu tanzen, essen, lieben, glauben was man will. Nur bedingt durch die Freiheit des Nächsten. Ja, wir sind hier nur relativ frei. Aber diese Freiheit darf uns nicht genommen werden. Jedem Einzelnen nicht, keinem Menschen. Und nicht als Konzept unseres Europa. Auch wenn wir immer wieder hohe Preise zahlen für die Freiheit weil wir eben nicht stoppen an der Grenze des Anderen, an den Grenzen der Natur. Freiheit ist unser höchstes Gut.

Ich kann hier sein obwohl ich die Sprache nicht richtig spreche, hier arbeiten oder studieren. Ich kann bei Arte zwischen gebildeten Menschen Kaffee trinken oder in der Uni Vokabeln lernen und mir überlegen, wovon ich die nächste Miete zahle. Ich kann in Deutschland wohnen und jeden Morgen mit dem Rad nach Frankreich zur Arbeit fahren. Ich kann nachts um die Häuser ziehen und darf mich betrinken – auch als Frau. Ich lese und sage, was ich will.

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Ebendieses Europa muss sich selbst beschützen. Weniger vor Angriffen von außen, als mehr vor Zerstörung dieser Werte im Inneren. Durch transparente und gesellschaftlich nachhaltige Politik. Der Hass, der in den Tätern in Paris loderte, kam nicht von außen. Diese Gesellschaft darf nicht zulassen, dass Teile von ihr zerfallen. Dass Menschen solch eine Not leiden, dass sie sich gegen diese Gesellschaft wenden. Es sind nicht vier, fünf Menschen, die irgendwie nicht rund laufen. Es sind viel mehr. Und es sind die Umstände der Gesellschaft, die sie zu dem gemacht haben, was sie jetzt sind. Das Problem ist nicht da draußen. Es ist hier. In unserer Verantwortung.

Nach außen darf Europa sich nicht noch mehr abkapseln. Nichts gibt uns das Recht, all diese feinen Werte nur für uns zu beanspruchen. Durch Zufall wurden wir in diesem Europa geboren – zu unseren Werten muss gehören, dass wir sie mit anderen teilen. Dass alle Europäer werden können, die es wollen. Wir dürfen nicht über andere richten, wie wir es wollen. Wir dürfen nicht zerstören, was wir nicht verstehen. Und wir sollten einen Konflikt, zu dem wir selbst beigetragen haben, nicht von uns weisen. Hier hört unsere Freiheit auf.

 

2 Gedanken zu “Straßburg nach dem schwarzen Freitag

  1. Es ist unfassbar, was mit Europa, ja der ganzen Welt und unseren freiheitlich-demokratischen Grundwerten geschieht. Wie Du schreibst: Für uns, als Deutsche und als deutsche Frauen, scheint es bislang selbstverständlich, studieren zu dürfen, frei sein zu dürfen, tanzen und reisen zu dürfen. Unser Leben nach unseren Vorstellungen zu gestalten.
    Es scheint selbstverständlich – und mit Schrecken müssen wir beobachten, wie diese Freiheiten überall in der Welt von verschiedenen Organismen zerstört werden. Die Welt radikalisiert sich, rasend schnell.
    In Polen wurde binnen kürzester Zeit von der neuen Regierung PiS ein umstrittenes Mediengesetz erlassen, das das globale Menschenrecht „Meinungsfreiheit“ immens einschränkt; in Frankreich wird eine Verfassungsänderung diskutiert, die dank eines gesetzlich verankerten Ausnahmezustands erlauben soll, überall Hausdurchsuchungen bei Verdächtigen durchzuführen; in den USA feiern die Bürger den Republikaner Donald Trump mit seinen xenophoben Tiraden, seinen vulgären Aussagen über Frauen und seiner populistischen Pro-Waffen-Befürwortung; in Skandinavien werden die Grenzen wieder extremer kontrolliert; in Großbritannien soll nächstes Jahr ein Volksreferendum über einen EU-Austritt bestimmen; in Europa sind populistische Parteien wie der französische Front National, die deutsche AfD oder die polnische Regierungspartei „Recht und Gerechtigkeit“ auf dem Vormarsch…

    Und wir? Was tun wir dagegen, was können wir dagegen tun? Natürlich – sich nicht unterkriegen lassen, tolerant sein, diplomatische und demokratische Lösungswege finden; wir sind schließlich gebildet…
    Doch tun wir das wirklich? Die Aussagen vieler deutschen Politiker und Medien nach den Übergriffen auf Frauen in Köln an der Silvesternacht 2015 zeugen von etwas anderem: übereilten und emotionalen Vorurteilen, die verheerende Ausmaße annehmen; rassistische, simplifizierende, generalisierende und xenophobe. Sie sind auf den Wunsch nach einfachen Lösungen zurückzuführen und – auf ein Gefühl der Hilflosigkeit, der Ohnmacht und der Angst. Dass wir all der Gewalt und „dem Bösen“ nicht mehr gewachsen sind und unsere jahrzehntelange Ordnung des wirtschaftlichen Wachstums zerstört wird.
    Das Erschreckende ist: Auch Menschen, die man als „weltoffen und gebildet“ einstufen würde, geben extremen oder radikalen Strömungen eine Chance – zum Beispiel in Frankreich, als 50% aller Wahlberechtigten in der ersten Wahlrunde der ,Régionales‘ nicht zum Wählen ging, auch viele „Intellektuelle“ nicht. Der Vorwurf, dass sie damit dem Front National ihre Stimme gäben, wurde beantwortet mit: „Vielleicht ändert sich dann wenigstens etwas…“

    Dennoch gibt es Hoffnung: Die Menschen scheinen sich nach einem längeren Zeitraum des Politikverdrossenheit wieder zu politisieren, größtenteils auch dank den sozialen Netzwerken und dem Internet – gegen jeden Shitstorm gibt es Anti-Bewegungen und Beiträge, die die Polarisierung aufdecken. Zum Beispiel, den Hasstiraden über Ausländer und der negativen Darstellung von Flüchtlingen POSITIVE Berichte gegenüberzustellen, beispielsweise über Flüchtlinge, die am 1. Januar halfen, den Müll der Silvesterraketen von den Straßen zu sammeln, um sich in die Gemeinschaft zu integrieren.

    Gott sei Dank gibt es immer Menschen, die sich empören; Menschen, die sich mit dem Geschehen tiefergehender auseinandersetzen, nicht nur „infotainment“ liefern, sondern Fakten; ja sogar Menschen, die all das Schlimme mit Humor nehmen können, wie Karikaturisten oder Künstler (um mal keine Namen zu nennen).

    Denn nur so können unsere Menschenrechte wie Versammlungsrecht und Freiheit, sei es nun Presse- oder Meinungsfreiheit, weiterbestehen: Indem wir diese Menschenrechte sowie unsere demokratischen Grundrechte ausüben – und teilen.

    Denn wie ihr Name sagt: Es sind MENSCHENrechte; die Rechte aller Menschen und wir als Europäer haben nicht das Monopol auf diese Freiheiten. Gleichzeitig haben wir alle die Pflicht, diese Rechte zu schützen, indem wir durch Prävention dem Risiko entgegenwirken, dass Menschen, die unserer Gesellschaft aus irgendwelchen Gründen den Rücken kehren, sich und uns dieser Rechte berauben, weil sie sich nicht mehr mit dieser Gesellschaft identifizieren können.
    Es ist unsere Pflicht, für sie andere Perspektiven zu schaffen und damit die universellen Rechte von uns allen bewahren.

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    • Liebe Lena – vielen Dank für deinen Kommentar. Wie gut zu wissen, dass ich nicht allein bin mit Sorge, Wut, Ohnmacht. Wir sind nicht allein. Ich glaube, hoffe, dass die Vielen, die nicht laut herausposten und -kommentieren, schreien und mit Waffen wedeln – dass einige dieser stillen Vielen genauso ticken und denken wie wir. Menschlich halt. Aber reflektiert. Mit Kopf und Herz handelnd.

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