Keine Angst vor Afrika

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In Nigeria verschleppen die islamistischen Terroristen der Boko Haram Mädchen und Frauen, in Tansania werden Elefanten wegen ihrer Stoßzähne abgeschlachtet und in Libyen herrschen so unmenschliche Verhältnisse, dass die Menschen den Weg in einer Nussschale über den Ozean in Kauf nehmen, um aus ihrem Heimatland zu flüchten. Ja, Afrika ist gefährlich. Aber der zweitgrößte Kontinent der Erde ist viel, viel mehr als nur das. Klar, dass eine besorgte Mutter und ein aufgeregter Vater das anders sehen, wenn ihr junges, naives, blondes Mädchen mit dem Auto dorthin fahren will und dann auch noch einen Campingurlaub plant. Raub, Gewalt und Entführung geistern durch die Köpfe meiner Eltern. Schade, denn Afrika ist dreimal so groß wie Europa – und dementsprechend viel gibt es dort zu entdecken.

IMG_4169Doch auch in meinem Kopf herrschen viele Vorurteile gegen diesen vielfältigen Kontinent. Als mir aber sogar die Internetseite des auswärtigen Amtes, dem Inbegriff deutscher Vorsicht, bestätigt, dass Marokko nicht gefährlicher sei als Spanien, habe ich etwas gegen diese Vorurteile in der Hand. Ich informiere mich auf diversen Foren, bestelle Reisebücher und Campingführer. Werde Mitglied beim ADAC. Schließe eine Zusatzkrankenversicherung ab. Besorge mir Chemikalien, mit denen man Leitungswasser so vergiften kann, dass es keimfrei wird. Lasse mein Auto wieder und wieder durchchecke. Besorge mir mehrere Navi-Apps, die über GPS funktionieren. Und das, obwohl ich mich keineswegs als einen sehr überlegten Menschen bezeichnen würde. Je länger ich mich mit Marokko beschäftige, desto mehr wächst aus diesem diffusen Traumland, dem abenteuerlichen, schillernden, farbenfrohen, armen Marokko in meinem Kopf ein realer Staat. Städtenamen wie Marrakesch, Fés oder Chefchaouen ordnen sich Regionen und Bildern zu, Routen nehmen Gestalt an. Ich habe keine Angst mehr.

Die kommt aber auf einen Schlag zurück, als die Fähre mit meinem Auto und mir darauf das europäische Festland verlässt. Eine leichte Übelkeit vermischt sich mit Schmetterlingen im Bauch. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Aus dem Nebel taucht der fremde Kontinent auf, blaue Berge, deren Füße mit dem Meer verschmelzen. Die anderen Fährgäste pilgern zu einer kleinen Kabine im Inneren – hier müssen alle ihren Pass stempeln lassen. Hat mir niemand gesagt.

IMG_1144 So geht es weiter, als mein Bulli aus dem Bauch der kleinen Fähre rollt. Kontrolle, Papiere, Diskussionen. Ich verstehe nichts. Die Polizisten halten sich fern, obwohl ich offensichtlich hilflos bin. Stattdessen stürzen sich acht mittelalte, verwegen aussehende Männer mit gelben Westen auf das Fenster der Fahrerseite. Wollen meine Papiere haben, Pass, alles. Erst als sie lauthals Trinkgeld verlangen verstehe ich, dass sie ihr Geld damit verdienen, Ankommenden die Papiere auszufüllen. Was ich als nächstes tun soll, weiß ich aber immer noch nicht, als ich ein paar Euro gegen einen bunten Papierbogen voller unleserlicher Zeichen tausche. Dann kommt einer zu mir, der sich bisher eher im Hintergrund gehalten hat. „Zum ersten Mal in Marokko?“, fragt er. Ich könnte weinen vor Glück. Der Typ bringt mich zum richtigen Schalter, hinter dem ein paar Polizisten vor Bergen von Papierchen und uralten Rechnern hocken. Hier bekomme ich alles, was ich für die Einreise brauche. Als ich endlich schweißgebadet und mit Herzklopfen das Tor zum afrikanischen Kontinent hinter mir lasse, ist mein Wagen der letzte, der hindurchrollt.

IMG_1687Eine Woche später geht vor meinem Bullifenster die Sonne unter. Meine rollende Unterkunft steht an einer steilen Klippe direkt am Atlantik. Seit unserer Ankunft in Marokko habe ich keine Europäer mehr gesehen. Ich sitze im Wind, esse Spaghetti Napoli und versuche, eine Kerze vor dem Erlöschen zu schützen. Gleich werde ich nicht mehr die Hand vor Augen sehen, denn hier wohnt niemand, niemand der Licht macht. Und auch sonst keiner. Ich werde zum ersten Mal in diesem Urlaub frei campen. Ohne schützenden Campingplatz und ohne elektrisches Licht am marokkanischen Atlantikstrand, irgendwo zwischen dem touristischen Örtchen Oualidia und der Großstadt Safi. Wahnsinn. Gut, dass das meine Eltern nicht wissen.

Stimmen wecken mich. Panisch blicke ich mich um, linse durch die Gardine. Mein Freund unterhält sich mit einem Fischer, der nebenan auf einem Felsen hockt. Sie lachen, gestikulieren. Niemand hat uns weggeschickt heute Nacht. Niemand hat uns ausgeraubt oder entführt. Der Morgen begrüßt mich mit einem eiskalten Meer und warmem Sand. Das ist also Afrika.

IMG_1657Zwei Wochen später stehen meine sandigen Füße auf Kies. Hinter mir: Ferienhäuser. Neben mir: Handtücher voll halbnackter Touristen. Vor mir: das Mittelmeer. Es ist schwül. Ich bin in Europa. Hinter mir liegen tausende Kilometer Marokko. Ich wurde nicht ausgeraubt, nicht bestohlen, hatte keine Panne, wurde einmal um 15 Euro betrogen, hatte eine Magenverstimmung, wurde zweimal beschimpft, zweimal von Marokkanern nach Hause eingeladen und bewirtet, hatte zweimal einen Sonnenbrand, habe drei Lederhandtaschen für insgesamt 50 Euro erstanden, habe acht verschiedene Arten von Teigfladen probiert, habe mindestens 15 wundervolle Sonnenuntergänge erlebt (und leider alle –aufgänge verschlafen), hatte etwa 50 Mückenstiche und habe einen Haufen Vorurteile zurückgelassen. Ich werde wiederkommen. Marokko ist noch viel wunderbarer, als ich es mir in meinen kühnsten Träumen erhofft habe.

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