Marrakesch

IMG_1856Diese Stadt ist ein Ameisenhaufen. Wir schrammen nur an ihrer äußeren Peripherie entlang, als wir auf der Suche nach Supermarkt und Campingplatz schwitzend und müde von Westen kommen. Hier ist es mindestens zehn Grad wärmer als es morgens in Essaourira an der Küste war. Das heißt: Rund 35 Grad im Schatten.

Der Marjane, ein Gigamarkt eher, ist klimatisiert. Gottseidank! Drinnen gibt es alles. Allesalles. Sogar Vögel. Die sind wahrscheinlich irgendwann durch den Lieferanteneingang hineingeraten, haben das Paradies als solches erkannt und leben nun zwischen der blechernen Hallendecke und einer großen Auswahl frischer Früchte, offener Schübe mit Oliven, Couscous und Getreide. In Deutschland hätten fünf fleißige Kammerjäger ihnen wahrscheinlich längst über Nacht den Garaus gemacht. Hier nicht. Warum auch? Draußen schlägt uns die Hitzewand entgegen. „Ach ja“, sagt der Kreislauf, und schickt blaue Sterne ins Hirn. Wir finden schnell den Campingplatz. Ich erwarte Schotter, Sonne, Stehklos, kranke Katzen und Müll. Und werde vollkommen überrascht. Der Platz ist ein kleines Paradies. Das Waschhaus hat blaugemusterte Kacheln, orientalische Lampen hängen an der Decke. Alles ist sauber und geschmackvoll. Ein dunkelblauer Pool wird gesäumt von Büschen und Bäumen, unter denen Hängematten und allerlei Liegen und Sitzgelegenheiten zum Dösen einladen. Wow! Eine kleine Oase im glutheißen, staubig-roten Marrakesch.

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Bis zum Abend versuchen wir uns zu akklimatisieren. Dann fahren wir mit dem Taxi in die Stadt. Wie immer sind wir planlos, wie immer suchen wir die Medina um darin herumzustreunen. Hier laufen haufenweise Touristen herum. Ständig werden wir angequatscht, jeder will uns irgendwas andrehen. Ich schlinge meinen Kameragurt viermal ums Handgelenk und fühle mich sehr unsicher. Hier gibt es Einheimische und es gibt Touristen, dazwischen eine unsichtbare Mauer. Alle Händler sind furchtbar professionell, niemand lässt sich auf ein Gespräch ein. Hinter jedem Jungen, der uns den Weg zurück auf die ausgetretenen Touristenwege weisen will, steckt ein Schleuser, der uns in das Ledergeschäft seines Onkels bringt. In keiner anderen Stadt, nicht einmal im ebenfalls touristischen Essaouira, habe ich das bisher so erlebt. Mit der Zeit schließen die Stände und Läden und hinterlassen dunkle Straßen und Wege. Ja, die Medina von Marrakesch ist tatsächlich richtig dunkel. Hier gibt es keine großen Straßenlaternen, die die Stadt bis zum Himmel leuchten lassen. Einige Funzeln strahlen gelb und lassen die Katzen zu riesigen Schattenwölfen werden. Alles wirkt gespenstisch obwohl doch nochüberall das Leben pulsiert.

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IMG_1929Irgendwann gelangen wir wieder auf den Djeman El-Fna, den großen, weltbekannten Platz von Marrakesch. In langen Reihen sind nummerierte Zelte aufgebaut, in denen gekocht und gebraten wird. Zehn Kellner auf einmal wollen uns von ihrer Küche überzeugen, überall stehen die gleichen Gerichte auf der Karte. Wir stehen und schauen und amüsieren uns über die tatkräftigen Gesellen, die mit viel Elan, Überzeugungskraft und Leidenschaft um die Gunst der Touristen buhlen. Uns allen Ernstes Sauerkraut und Rippchen verkaufen wollen. Bis einer uns so charmant um den Finger wickelt, dass wir plötzlich an seiner Bude sitzen, „Marokkanischen Whiskey“ trinken (süßer Tee mit Minze) und uns überlegen, ob wir nicht doch ein wenig Hunger haben. So langsam werden wir warm mit dieser wuseligen Stadt. Vielleicht müssen wir uns einfach eingestehen, dass wir hier Touristen sind und mitmachen, was uns die Stadt bietet.

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Am nächsten Tag warten wir bis nachmittags, bis wir den Garten Eden verlassen und uns wieder in die Hitze der Metropole wagen. Jetzt ist alles noch viel voller, in den Touristengassen schieben sich die weißen, fettleibigen Europäer (jaaa, ich weiß, ich bin fies) durch die Nippesläden. Wobei „Nippes“ nicht das richtige Wort ist. Denn die Dinge, die hier dargeboten werden, sind wirklich schön. Bei genauerem Hinsehen, und wenn mich nicht sofort die aggressiven Händler vertreiben, entdecke ich handgemachte, riesige silberne Lampen, die zu hunderten die Decken und Wände eines schmalen Lädchens bedecken. Lange, überdachte Gänge voller Lederwaren, kleine Werkstätten dazwischen. Elias Canetti, der 1954 als Begleiter eines englischen Filmteams in Marrakesch war, beschreibt in seinem Reisebuch „Die Stimmen von Marrakesch“ den Souk, den Markt der Stadt treffend und zeitgemäß:

„Die Ledertasche, die man möchte, ist in zwanzig verschiedenen Läden ausgestellt und einer dieser Läden schließt unmittelbar an den anderen an. Da hockt ein Mann inmitten seiner Waren. Er hat sie alle ganz nah bei sich, es ist wenig Platz. Er braucht sich kaum zu strecken, um jede seiner Ledertaschen zu erreichen; und nur aus Höflichkeit, wenn er nicht sehr alt ist, erhebt er sich. Aber der Mann im Gelass neben ihm, der ganz anders aussieht, sitzt inmitten derselben Waren. Das geht vielleicht hundert Meter so weiter, zu beiden Seiten der gedeckten Passage. Es wird sozusagen alles auf einmal angeboten, was dieser größte und berühmteste Basar der Stadt, des ganzen südlichen Marokko an Lederwaren besitzt. In dieser Zurschaustellung liegt viel Stolz. Man zeigt, was man erzeugen kann, aber man zeigt auch wie viel es davon gibt. Es wirkt so, als wüssten die Taschen selber, dass sie der Reichtum sind und als zeigten sie sich schön hergerichtet den Augen der Passanten. Man wäre gar nicht verwundert, wenn sie plötzlich in rhythmische Bewegung gerieten, alle Taschen zusammen, und in einem bunten orgiastischen Tanz alle Verlockungen zeigten, deren sie fähig sind.“

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So stehen auch wir irgendwann in einem etwas abseitigen Gang, umgeben von Ledertaschen und beobachtet von all den Händlern, die sich dazwischen tummelten. Und irgendwie muss ich auch hier eine kaufen, die dritte nun, nein, nicht für mich natürlich, sondern als Mitbringsel, um ein Stück dieses leuchtenden Orients an Freunde zu verteilen. Hier startet der kleine, dunkle Verkäufer den mit hoheitlich-beigem Gewand und Pantoffelschuhen den Handel mit einem Preis, über den ich nur laut und etwas irre lachen kann. Ich erkläre ihm, dass ich in einer anderen Stadt etwa ein Fünftel dessen bezahlt habe. Er erklärt mir, wie besonders aber die Qualität seiner Ware sei. So geht es eine Viertelstunde hin und her. Dank harter Flohmarktschule werde ich irgendwann von ihm als Schottin bezeichnet, was ich nicht als Beschimpfung verstehe, sondern als Kompliment. Ich zahle ihm trotzdem zu viel. Aber immerhin weiß ich das.

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IMG_1994Weiter geht’s, bis wir uns mal wieder verirrt haben in den Gassen der Medina. Kaum noch Touristen, dafür viele Marokkaner laufen herum. Wir werden angesehen wie Eindringlinge, die wir ja auch sind. Als ich fotografiere, beschimpft mich ein kleiner Junge und haut dann schnell ab. Die Leute hier mögen es gar nicht, wenn man sie, die Häuser oder generell irgendetwas fotografiert. Das war weiter im Süden und im Westen nicht so. Bis heute habe ich nur herausbekommen, dass das irgendetwas mit dem Koran zu tun hat. Was genau und warum gerade die Bewohner der touristischten und modernsten Metropole Marokkos sich daran stören, weiß ich nicht. Ich jedenfalls möchte plötzlich doch wieder zurück in die Sicherheit der Touristenströme. Ein kleiner Junge will uns den Weg weisen, „no money“, sagt er und wir glauben ihm nicht. Er übergibt uns an einen älteren Jungen, der uns dann plötzlich zur Gerberei und nicht zurück auf den großen Platz führen will. Nungut. Dort übernimmt ein weiterer Typ und gibt uns eine Führung durch die Gerberei.

IMG_1954Große Bottiche sind in den Boden eingelassen. In einigen steht weiße, in anderen braune Flüssigkeit. Einige sind mit alten Teppichen und Tüchern abgedeckt. Es stinkt tierisch. Katzen und Hunde laufen auf den schmalen Wegen zwischen den Gefäßen herum, zwei Männer schöpfen Wasser aus einem Steintrog, in dem zwei Enten schwimmen. Es ist kein Ort, an dem man mehr als zehn Minuten verbringen möchte. Am Rand des Platzes sind Tierhäute ausgebreitet und trocknen in der untergehenden Sonne. Der Mann erklärt uns, wie aus den befellten Tierhäuten Stück für Stück feines Leder gemacht wird. Die Männer, die hier arbeiten, beachten uns kaum. IMG_1971Ihre Haut sieht ebenso gegerbt aus, wie das Leder in ihren Händen. Nach der kleinen Führung bringt uns der Kerl in ein nahes Ledergeschäft. Nein, wir wollen eigentlich nichts kaufen, machen wir dem Mann dort klar. Ärgerlich verlässt der den Laden und fährt auf einem Moped davon. Keine Ahnung, was er sich von uns versprochen hatte. Draußen wartet wieder der Kerl aus der Gerberei und will jetzt Kohle sehen. Was wir ihm geben wollen, ist ihm viel zu wenig. Auch er ist verärgert oder tut zumindest so. Als wir weiter gehen und ich noch einmal zurückblicke sehe ich ihn mit dem ersten Jungen und dem zweiten Burschen zusammen stehen. Sie teilen sich also die Beute. Irgendwie fühle ich mich betrogen.

Dann suchen wir uns ein kleines Restaurant, eines, in das wir nicht sofort hineingezerrt werden und essen Couscous. Es reicht für heute. Marrakesch ist spannend aber zu anstrengend. Wir fliehen hastig über den großen Platz, wählen auch bei den Taxen das, bei dem uns der Fahrer nicht hinterherruft und lassen uns zurück bringen in Sicherheit auf unseren grünen Platz. Ich bin und bleibe ein Landkind. Diese Stadt ist definitiv zu viel für mich.

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