Der Mann, der Vögel liebt

IMG_1281„I have a boat!“, raunt uns ein bärtiger Geselle mit einer immensen Zahnlücke zu, als hätte er soeben offenbart, dass er ein Freudenhaus in der Lagune besitzt. Sören ist irritiert wie immer, wenn er von solchen Burschen angequatscht wird. Doch der Mann hat ein pinkfarbenes Poloshirt mit Flamingos drauf an, das ihn irgendeiner Vereinigung zuweist und irgendwie glaubwürdig macht. „Flamingos“ und „boat“ klingt für mich nach einem Abenteuer, das es sich zu begehen lohnt. Aber morgen. Der Zahnlückige rät uns, gegen Mittag auf ihn zu warten, er sei dann dort. Wir glauben uns gegenseitig nicht und sind dann doch am nächsten Tag, Punkt zwölf, alle am Treffpunkt: An der Fischerbucht unterhalb von Moulay-Bousselham, einem verdreckten Ort an der Küste zwischen Tanger und Rabat.

Hundert Meter weiter beginnt unser Campingplatz, auf dem es nachmittags fischig zu riechen beginnt und auf dem wir einen Platz mit Blick in besagte Bucht bekommen haben. Ich erkenne den Burschen kaum wieder denn heute trägt er blau aber immer noch die Lücke und darum erkenne ich ihn dann doch – außerdem erkennt er uns und so zockeln wir fünf Minuten später brav hinter ihm her zu seinem „boat“. Es ist ein blaues Fischerboot mit Außenbordmotor, wie vierzig andere in dieser Bucht. Außerdem ist noch ein älterer Mann, vielleicht Mitte fünfzig, mit von der Partie, der uns verschmitzt lachend erzählt, er sei Ornithologe und von Zahnlücke mehrmals aufgefordert wird, mitzukommen bis er es dann tatsächlich tut. Er wirkt ein bisschen zurückhaltend, fast scheu – sehr angenehm.

 

IMG_1260 Wir tuckern langsam in die Lagune hinein, die sich vom Atlantik bis weit ins Landesinnere zieht. Der ältere Mann erzählt, dass er Vögel zählt und beringt, dass er dafür durch ganz Europa gereist sei, sogar schon in Holland war. Zahnlücke, der eigentlich Yassir heißt wie wir später erfahren, sitzt hinten, lenkt das Boot und spricht kaum. Als wir immer weiter hinein gleiten in die Gedärme der Lagune und als Häuser, Bewohner und Lärm der Stadt immer weiter in der Stille der Natur versinken, beginnt der braungebrannte Ornithologe, uns die Vögel zu zeigen. Oder die „Vogels“, wie er sie nennt, denn ein Ö auszusprechen gelingt ihm auch nach mehreren Versuchen nicht uns er bricht stattdessen in sein seltsamen verschmitztes Kichern aus. Erst sehen wir ein paar Möwensorten, die er uns in einem zerfransten deutschen Vogelbuch zeigt. Dann wird er plötzlich ganz aufgeregt, zieht an der ausgeblichenen Schirmmütze herum, die er auf dem Kopf hat und zeigt auf etwas sehr kleines, was am etwa 50 Meter entfernten Ufer herumhüpft. Nur weil wir nun genau hinschauen, sehen wir den Vogel erst. Er dagegen erzählt schon, dass das ein Steinwälzer sei, blättert in dem Buch herum und freut sich über diesen wunderbaren Vogelnamen. Mit einem Fernglas erkennen nun auch wir den winzigen braunen Kerl. Der Ornithologe wiederholt den Namen des Tiers wie ein Mantra immer wieder, auf Französisch, auf Englisch, Spanisch und auf Deutsch.

IMG_1259So geht es weiter. Kbir, das ist sein Name, zeigt auf kleine und große Vögel, schlägt sie für uns in dem Buch nach, wir sehen sie uns durch das Fernglas an. Um uns herum springen ständig kleine Fische aus dem Wasser wie flitschende Steine. Die beiden Männer beachten das gar nicht, bis wir sie darauf ansprechen. Was für Fische das genau sind verstehen wir nicht, wohl aber, dass die Schwingungen des Motors sie anlocken. Irgendwann springt einer gegen Sörens Rücken und ins Boot, ich fange den kleinen Silberling mit den Händen ein und werfe ihn zurück. Auf den sandigen, flachen Inseln der Lagune sonnen sich ganze Krabbenkolonien, aufgeschreckt vom Motorengeräusch laufen sie alle auf einmal los, wie eine Welle von kleinen Leibern, von Tausenden Beinen getragen. Plötzlich dann: ein Rudel (heißt es so?) Flamingos. Etwa zehn von ihnen grasen 200 Meter von uns entfernt im Wasser. Wir können nicht weiter, das Wasser ist zu flach, ahnen durch das Fernglas die Größe der Tiere, rechts von ihnen steht außerdem ein Haufen Störche, weiter vorn sitzt ein Fischadler auf einem Stecken, der aus dem Wasser ragt. Nicht schlecht, da haben sie sich alle versammelt, gerade noch in Sichtweite aber nicht wirklich zu erreichen für uns Zweibeiner, uns Neugierige.

Während ich noch versuche, durch das Fernglas hindurch näher heranzukriechen an sie, krempelt sich Kbir die bejeansten Hosenbeine hoch und stiefelt ins seichte Wasser. Er schiebt das Boot zurück, bis wir wieder in die tiefere Fahrrinne kommen und den Motor anschmeißen können. Unterwegs erklärt und berichtet er dies und das über die Lagune, ein 750 Hektar großes Naturschutzgebiet, in dem ein Haufen Zugvögel überwintert. Kbir selbst folgt ihnen oft bis nach Europa, wenn sie im Sommer dorthin fliegen. Oft schon war er an der französischen Mittelmeerküste im Einsatz, half beim Beringen und Zählen. Er kümmerte sich in Holland um Löffler (so nannte er sie zumindest) und war in Spanien unterwegs. Aber in Deutschland, nein, da sei er noch nie gewesen. Als wir wieder am Strand unter der Stadt ankommen, sind zwei Stunden vergangen. „Do you eat now at your Campingmobil?“ fragt er uns in seinem seltsamen Englisch. Wir zucken mit den Schultern – eigentlich wollten wir heute noch weiter fahren denn so richtig viel hält uns nicht in diesem vermüllten Fischernest. Wie immer ist der Tag aber eher schwammig durchgeplant. „Do you want to eat with me?“ fragt er dann. Wir sind baff. Der will echt mit uns essen gehen, ist ja abgefahren! Und klar wollen wir.

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Als wir uns nach einer halben Stunde wieder mit ihm treffen macht er uns klar, dass es zu ihm nach Hause geht, was es dort geben wird, weiß er noch nicht. “We do it like the Vogels“, erklärt er, „we take what we find“, und lacht verschmitzt. Und so machen wir es, laufen hinter ihm her und hören ihm zu, bis er an einer Garage hält, in der ein junger, hünenhafter Fischer Fisch sortiert. Dort bekommen wir vier kleine Frischgefangene mit und weiter geht’s. Mit seinen ausgetretenen Gummilatschen wandert er fröhlich voran, durch Müllberge und Schilfgras, erzählt und erzählt. Sein Haus liegt am Rand des Ortes, umgeben von einer hohen Mauer aus Betonsteinen. Er entschuldigt sich für das große, blau Tor, durch das er uns führt: „I had a small Auto“, erklärt er. Diebstahlschutz also. Hinter dem Tor ein quadratisches Grundstück, ein wenig Rasen, ein paar Hühner, vier oder fünf höchstens mannshohe Bäume und ein kleines Häuschen mit Anbau. Flachdach, Betonsteine, mit rohen Wänden und wenigen kleinen, blau gestrichenen Fenstern. Hinter den Fenstern Kinderlärm. Er ist ein bisschen aufgeregt, rennt herum und holt eine Matte, die er unter einer Palme ausbreitet. Dann einen großen, alten Topf und Zeug zum Feuermachen. Dazwischen redet er ununterbrochen, meistens über Vögel und über die African Mash Owl, die es nur in Nordafrika gibt und von der drei Exemplare in den Bäumen des Nachbargartens wohnen, die er jeden Abend beobachtet. Der Mann liebt offenbar nichts so sehr, wie Vögel.

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Als er nach einer halben Ewigkeit mit den Fischen ins Haus gehen will, frage ich ihn, ob ich mitkommen kann. Ein marokkanisches Haus von innen sehen – ja klar, ich bin schließlich doch Tourist. Drinnen zwei Kinder, sieben und eineinhalb vielleicht, und eine Frau, die mir eine vorsichtige Hand gibt und kein Englisch spricht. Und auch sonst nicht. Ein großer Raum mit Teppich, kleinem Tisch und Fernseher, sonst nichts. Die Küche daneben mit Küchenzeile und Gaskocher darauf. Alles ist recht kahl und ohne die bunten Bodenfliesen hätte es karg gewirkt. Er setzt mich auf den Teppich an den Tisch und ich sitze da, ganz schüchtern und neugierig. Alles ist sauber und leer. Das ältere Mädchen sieht angestrengt fern aber eigentlich aus dem Augenwinkel nur mich an. Das andere bricht in Tränen aus, als ich zu ihm rüber gucke. Kbir hebt es lachend auf. Draußen grillt er dann den ausgenommenen Fisch, eingeklemmt in einem Grillrost, auf dem Topf. Die Frau, vielleicht Mitte dreißig, kommt, stellt den Tisch von drinnen auf die Matte und Teller, Brot und einen Tomatensalat sowie Teekanne und Gläschen auf den Tisch. Dann also essen wir, wir, das heißt Sören und ich denn Frau und Kinder sind wieder im Haus und Kbir knabbert nur ein wenig Fisch vom Grillrost und redet weiter. Alles schmeckt gut, einfach, unaufgeregt. Der Tee ist süß und stark.

Kbir erzählt, dass er zwölf Jahre lang mit einer französischen Frau verheiratet war, die in Rabat Lehrerin war. Sie lernten sich kennen, als er ihr, wie uns, die Lagune zeigte. Auch sie liebte die Natur wie er. Sie verbrachten einige Nächte unter dem Sternenhimmel in den Dünen der Lagune. Sie sei Künstlerin gewesen und sie hätten ein eigenes Haus gebaut. „Avec Flair“, wie er es nennt. Mit alten Türen, die sie extra aus Rabat holten und echten marokkanischen Fliesen. Aber auch mit französischer Einrichtung. „It is over there, 500 meters from here“, zeigt er in Richtung Inland. In diesem Haus heirateten sie, richtig offiziell. Zwölf Jahre verbrachten sie gemeinsam, bereisten Marokkos Städte und Berge und natürlich Frankreich. „With her little Renault and a tent“, erklärt er mit leuchtenden Augen. Dann war ihre Zeit irgendwann vorbei. Sie habe ihre Freiheit gewollt und er die seine und so seien sie auseinander gegangen, er habe das Haus verkauft und dieses Grundstück erworben. Es sei eine schöne Zeit gewesen und es sei nun alles gut so. Man nimmt es ihm ab aber zugleich wirkt er, als sei diese erste Frau die einzige gewesen, die er je liebte. „Often ich schlafen on the islands in Bluelagune“, berichtet er. „But often I don’t schlaf because I have to hear the African Mash Owl coming back from hunting. “

IMG_1292Kbir sagt, die Natur sorge für uns, er brauche nicht mehr, als er von ihr bekomme. Wenn man sich in Haus und Garten umsieht, glaubt man ihm. Alkohol, das sei inzwischen nichts mehr für ihn und auch rauchen würde er nur äußerst selten. „We are so rich, the whole nature is given to us”, erklärt er. Von Materiellem hält er nichts. Die Menschen in der Stadt lacht er tatsächlich aus, mit seinem kleinen Gekicher. „They never have time and they think that money is more important than people“, sagt’s und lacht.

Die kleine Siedlung in der er wohnt und wo er jeden kennt, mit jedem zweiten verwandt ist, ist von Müll überflutet. Als er uns hindurch führt, stehen ein paar Rinder und fünf Seidenreiher in den Plastiktüten. Ein handtellergroßer Schmetterling fliegt vorbei. Dahinter beginnt das Schilfgras der Lagunenlandschaft. Jeden Tag muss er diesen Kontrast ertragen. „In spring some friends an me will take it all away“, erklärt er mit einer Handbewegung, die die gesamte Umweltverschmutzung des Planeten einzuschließen versucht. Doch das wird nicht reichen. Der Kampf, den Kbir mit seinen Freunden führt, ist einer gegen Windmühlen. Am Ufer liegt ein frisch gestrichenes Ruderboot. Daneben, halb im Wasser, eine Dose Bootslack. Die blaue Farbe mal Spuren in den Sand, als Kbir sie aufhebt und an den Strand trägt. Hier hat niemand Sinn für Umweltschutz. Nicht einmal die, die ihn nötig haben: die kleinen Fischer. Kbir zeigt uns stolz sein Boot, sein Schilf, zeigt auf seine Lieblingsinsel, die Dünen auf der anderen Seite des Ufers. In der Abendsonne glüht die Stadt am Horizont, ein Schwarm Reiher fliegt auf einen Wald zu, Idylle im Untergang.

Wir gehen langsam zurück zum Haus, Moskitos fressen uns dünnheutige Europäer fast auf. Doch wir müssen ausharren, wir warten auf sie, die eine, die African Mash Owl, die in der Abenddämmerung zum Jagen fliegen wird. Und sie kommt. Ein kleiner, dunkler Schatten erhebt sich aus den Bäumen und schwebt über uns. Kbir ist ganz aufgeregt, murmelt immer wieder ihren Namen. Wir sehen… nun ja, eine Eule in der Dämmerung. Aber seine Begeisterung ist so ansteckend, dass wir gar nicht anders können, als uns auch wahnsinnig darüber freuen.

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Dann ist alles erledigt, Adressen sind ausgetauscht, Kbir will uns besuchen in Deutschland – aber wir mögen ihn dann bitte auf dem Land einquartieren. Kein Problem, da wird sich schon etwas finden. Er will dann sowieso draußen schlafen. Den deutschen Wäldern lauschen, von denen ich ihm berichtet habe. Er bringt uns zurück zum Campingplatz, die ganzen zwei Kilometer. Dann verabschiedet er sich einmal, zweimal, umarmt uns, er wird uns anrufen und, ja, wir sollen ihm schreiben und wir sollen auf dem Rückweg wieder kommen und, kein Problem, wir können dann bei ihm bleiben, eine oder zwei Wochen wenn wir wollen. Dann geht er, wippt so ein bisschen dabei in seinen alten Latschen. Wenn er jetzt ein Paar brauner Flügel ausbreiten würde – mich würde es nicht wundern. Er wird heute nicht schlafen, er muss doch auf die Eule warten. Wie kann man denn schlafen wenn sie zur Jagd fliegt?

2 Gedanken zu “Der Mann, der Vögel liebt

  1. Pingback: Zugvögel in Tours | Brieftaubenpost

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