Long Way Down: Von Salamanca bis Assilah

IMG_0896Salamancasalamanca, du hoheitliche Stadt! Sie thront auf einem Hügel, reckt stolz ihre renaissancenen, sandweißen Mauern, Zinnen und Türmchen und sieht herab auf ihre hässlichen Vororte, die immergleichen rotbraunen Kastenbauten in denen haust, wer es nicht in die alte Stadt geschafft hat. Die alten, restaurierten oder gut erhaltenen Gemäuer der Innenstadt wirken pompös und beeindruckend, hohe Fassaden, über und über geziert von Reliefen, unterbrochen von dunkelroten, eisenbeschlagenen Toren. Vereinzelt sprenkeln fein umgärtnerte Bäume das Bild, insgesamt eine angenehme Altstadt.

Vor einem Touristenauflauf bleibe ich hängen, gucke, warum die so gucken und finde dann… echt jetzt!? Einen Astronauten zwischen den altertümlichen Motiven an einer Kirche oder Kathedrale oder wasauchimmer. Abgefahren! Gegenüber entdecken wir einen Teufel, der Eis isst! Die spanischen Bildhauer oder Restaurateure haben offensichtlich Humor. Ob dafür jemand seinen Job verloren hat!?

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Wir stromern weiter, essen Eis und gucken, trinken Fanta und gucken, finden irgendwann einen großen Platz der Venedigs Markusplatz sehr ähnelt. Der Kaffee hier kostet aber nur einen Bruchteil dessen, was wir damals in der Lagunenstadt hätten blechen müssen und so können wir uns sogar noch eine Portion Tapas dazu leisten. Danach stromern wir weiter, ich halte die staubigen Füße in einen Brunnen dann hat es sich langsam ausgestromert. Wir wollen zurück zum Campingplatz aber diesmal nicht – wie auf dem Hinweg – zu Fuß die vier Kilometer durch die Vorstadt laufen. Also benutzen wir den Bus. Später gibt es Outdoorkino vor dem Bulli mit Bettdecken und Kerzen und Kaffeelikör. Herrlich. Ein Sonntag könnte nicht besser enden.

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IMG_0981Den nächsten Tag verbringen wir mit Autofahren. Wie eine endlose Steppe erstreckt sich Spanien vor uns. Stunde um Stunde um Stunde sehen wir gelbe Felder, die in sanften Hügeln um uns wallen. Je später es wird, desto mehr brennt sich die Hitze durch Haut und Schädeldecke, lässt Blut und Hirnsuppe köcheln. Wir brauchen Marokkos Wüste nicht zu suchen. Das hier ist genug. Die letzten hundert Kilometer bis El Puerto de Santa Maria sind Qual. Der Körper weiß nicht mehr, wie sich kalt anfühlt, die Lippen sind wund vom salzigen Schweiß. WARUM muss ich nochmal ein Auto fahren das in Zeiten gebaut wurde, in denen man mit dem Wort Klimaanlage offenbar noch nichts anfangen konnte? Irgendwann, irgendwann ist endlich Land in Sicht. Oder eher: Ozean. Der Ort El Puerto de Santa Maria liegt im Schatten von Cádiz, der Strand ist umgeben von Hafenpanorama aber das Meer nimmt uns mild, kühl und salzig auf und lässt die Hitzestunden vergessen. Im Dunkeln kommen wir später wieder, lesen 1001 Nacht bei Taschenlampenlicht im Sand. Im Dunkeln blinken die Lichter von Cádiz herüber.

Denen folgen wir dann am nächsten Nachmittag, als wir mit einer kleinen Fähre übersetzen in die vielbesungene Stadt des Flamencos. Allein diese halbstündige Fahrt gemeinsam mit rund 50 aufgekratzten Spaniern, teils in Großfamilien, teils als Pärchen unterwegs, lohnt sich. Besonders bei einem Preis von 2,60 Euro pro Person. In Cádiz suchen wir uns ein Restaurant, setzen uns davor, bestellen Tapas und stellen mal wieder fest, dass man fremde Städte am besten von den Tischen der örtlichen Gaststätten aus kennenlernt. Da zwitschert ein Wellensittich in einem Käfig von einem Balkon in die Gasse herunter, die Laternen sind umstrickt worden von den „Urban Knitters Cádiz“, der Kellner macht eine Dame, die offenbar Stammgast oder eine alte Bekannte oder beides ist, darauf aufmerksam, dass man in ihrem großzügigen Dekolleté bis in den BH heruntersehen kann. Gleichmütig lachend schiebt sie alles zu Recht. Am Nachbartisch lässt sich ein Mann mit einer so immens großen Nase nieder, dass ich immer wieder hinstarren muss.

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Doch dann geht es weiter, wir dringen in die Stadt ein und treffen auf einen großen Platz vor einer Kathedrale, auf dem zwei Spanierinnen einen großen Kreis von Zuschauern um sich gebannt haben: Die eine, rund 25, schön, mit aufgestecktem braunen Haar, singt mit sehr spanischer, heiserer Stimme und spielt Gitarre nach spanischer Art. Die andere, vielleicht ihre Mutter, mit schwarzem Rock und schwarzer Mähne, tanzt auf einem Holzbrett. IMG_1029Ihr zierlicher Körper ist kraftvoll und schnell, irgendwann muss ich feststellen, dass mir der Mund offen steht. Ohgottohgott, die zwei sind so schön und es klingt so gut, wild und traurig und sehr lebendig. In diesem Moment verstehe ich ein bisschen von dem, was Flamenco ist. Und was Andalusien ist. Und was diese Frauen von mir unterscheidet.

So wandle ich ein wenig verzaubert weiter, schnell erreichen wir die Spitze dieser Stadt, die wie ein ausgestreckter Arm in den Atlantik weist. Die Sonne steht tief, die Hälfte der Bevölkerung sitzt dort am Strand unter kleinen Sonnenschirmen, dicht an dicht und lässt sich braten. Wir dagegen rasten noch einmal, diesmal auf einem großen Platz mit kleinem Park in der Mitte, überall spielen Kinder, lärmen, lachen, kreischen gemeinsam mit einer seltsamen Papageienart, die in den Palmen wohnt. IMG_1107Außen die Erwachsenen, trinken und quatschen. Alles lebt. Ganz anders als in Salamanca wirkt Cádiz nicht wie ein Freiluftmuseum. In den engen Gassen fahren Motorroller umher und schneiden Fußgängern den Weg ab. Überall sitzen Menschen und reden gestikulierend, sind auf dem Weg zum Meer oder zurück, machen dies und das. Im Sonnenuntergang gleiten wir zurück mit der Fähre Richtung El Puerto de Santa Maria, dann die zwei Kilometer bis zum Campingplatz. Nachts gehen wir schwimmen, es ist unheimlich und schön, adios du seltsame See, morgen geht es weiter.

Und dieses Morgen kommt viel schneller als gedacht, um halb acht (!) klingelt der Wecker zum ersten Mal, das ist mir entschieden zu früh. Als ich dann eine Stunde später aufstehe bin ich grummelig, nach dem Packen auch noch hungrig und diese Mischung ist weder für mich, noch für meine Mitmenschen (Sören also) angenehm. Der spricht dann irgendwann auch lieber gar nicht mehr. Erst als wir nach langer Suche ENDLICH einen Supermarkt finden, erhellt sich mein Gemüt. Kaffee. Baguette mit Käse. Was braucht ein Mensch mehr? Vollkommen befriedigt geht es weiter durch immer dunkler werdende Felder, nach und nach ergrünt die Landschaft, Windräder tauchen auf. Tarifa ist plötzlich ausgeschildert. An der Küstenstraße fahre ich ständig über irgendwelche Hubbel und durch Schlaglöcher, weil der Atlantik rechts von mir so wunderschön und verführerisch türkisgrün leuchtet, dass ich mich nicht auf die Straße konzentrieren kann. In Tarifa halten wir an den erstbesten Fährticket-Buden. Wir holen Angebote ein und ich feilsche hart mit einem halbseiden wirkenden Südländer, bis er knappe fünfzig Euro heruntergegangen ist. Nicht schlecht für’s Erste, Frau Brieftaube! IMG_1131Dann weiter durch Tarifa, eine seltsam bunte Oasenstadt, bis zur Fähre. Drauf sind wir zügig, beobachten beim Warten schon einen Haufen Südländer, die sich offenbar streiten bis prügeln, alles während sie die Fähre verlassen. Die spinnen doch, die Marokkaner! Dann wird abgelegt und ich bekomme Herzrasen. Nicht von dem Kaffee, nein, diesmal weil ich tatsächlich jetzt hier bin, die Zora im Bauch dieses Schiffes geparkt habe und nun zwischen zwei Kontinenten hänge. Unbeschreiblich, wir haben es tatsächlich bis hierher geschafft! Hinter uns wird die schroffe, betonierte Hafenküste Tarifas kleiner, vor uns tauchen nebelumhangene Berge auf, geheimnisvoll im tiefblauen Meer, locken und drohen, meine Gedanken knäulen sich und ich kann nicht still stehen, muss ständig rumtrippeln und hinaussehen auf das Meer.

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Als ich mich gerade ein wenig beruhigt habe legen wir auch schon an, hinunter zu der Guten, anschmeißen, ausparken, Ticket vorzeigen, Passport please, Fahrzeugpapiere, Zettel hier und Formular da und irgendwie ist hier niemand so richtig gut organisiert aber es geht trotzdem. Ich fühle mich furchtbar klein und naiv und sehr, sehr fremd. Aber, nein, Angst ist jetzt nicht drin. Viele Männeraugen belächeln mich, ich halte das Kinn oben. „First time in Marocco?“, werde ich mindestens fünfmal gefragt. Sieht man das denn nicht? Sören und ich wechseln uns ab mit Zora bewachen und Formulare umhertragen. Aber irgendwann, irgendwann haben wir alles. Pass, Fahrzeugformular, Versicherung. Und sind frei. Ja und dann… fahre ich einfach mal drauf los in die Millionenmetropole Tanger. Vollkommen unvergleichlich mit europäischen Städten ist das hier, auf einem Berg drängen sich unzählige kleiner weißer Kästen, dazwischen welche in dunkelrot, am Rand Bauruinen in denen Menschen leben, dazwischen Ziegen und Kinder. Ich bekomme wenig von der Stadt und viel vom Verkehr mit denn man kann sich nur auf eines konzentrieren und gesünder für uns ist in diesem Fall Zweiteres. Aufs Geratewohl nehmen wir die Straße an der Küste entlang. Mit der Zeit wird die Stadt dünner und das Land übernimmt. Esel, Kühe, Ziegen weiden neben der Straße zwischen weggeworfenen Plastikflaschen und werden von zahnlosen Hirten gehirtet. Es ist wirklich so… so wie man es sich vorstellt. Händler verkaufen Melonen und Tongefäße, wir fahren an Pferdefuhrwerken und rostige Taxen vorbei. Es ist alles fremd. Die Menschen, die Tiere, der Staub auf der Straße, die Bäume, der Himmel, der Ozean neben uns.

IMG_1160Der nächste Ort heißt Asilah und als wir dort sind, wirk dieser schon ganz anders als Tanger. Viel bunter und freundlicher, kleiner, die Menschen laufen seelenruhig auf der Straße herum und überall stehen Stände mit irgendwelchen Leckereien. Viele Frauen sind ohne Kopftuch unterwegs. Aber hier gibt es keinen Campingplatz. Also zurück zu einem Hotel, das wir auf dem Weg hierher gesehen haben und das ein dickes „Camping!“ am Pfahl hängen hatte. Dort kommen wir unter auf einem kleinen grünen Stück Land neben der Anlage. Es gibt sogar Strom und eine Handvoll Hühner, die wir aufscheuchen. Die Sanitäranlagen sind ein Witz aber, fuck off, wir sind in Marokko – was haben Sie erwartet Fräulein Brieftaube!? Wir besuchen den Strand und den Atlantik, auch dort fühle ich mich sehr fremd und plötzlich kommt mir mein Bikini verdammt knapp vor. Die Frauen gehen hier meist in Klamotten ins Wasser, die Leute sitzen auf Plastikstühlen unter Schirmen am Strand. Nur der Atlantik fühlt sich genauso vertraut an, wie immer. Wunderbare Wellen, wild und salzig, klar bis zum weißsandigen Grund. Hallo, Afrika!

Ps.: Mehr Fotos folgen 😉

Ein Gedanke zu “Long Way Down: Von Salamanca bis Assilah

  1. Hallo, ihr seid ja mutig. Danke für eure Lebensmeldung. Sehr schön geschrieben, tolle Fotos – aber verratet mal nicht zu viel, wir wollen ja auch nach der Reise noch etwas zum Staunen haben!
    Wir fahren heute los nach Babelsberg, Potsdam, Berlin – lasst es euch gut gehen!! F

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